Die unerkannte Gefahr von Legionellen im Trinkwasser
Weshalb deutsche Haushalte das Risiko nicht unterschätzen sollten und welche Maßnahmen sinnvoll sind. Eine Auswertung der Meldedaten des Robert Koch-Instituts, der LeTriWa-Studie und einer eigenen Befragung von 100 Haushalten.
Prävention scheitert weniger an Kosten als an fehlender Information.
Die Studie untersucht das bislang unterschätzte Risiko von Legionellen im häuslichen Trinkwasser und zeigt, dass die offizielle Fallzahl die tatsächliche Krankheitslast deutlich unterschätzt. Ein relevanter Anteil der Infektionen entsteht im privaten Wohnumfeld – dort, wo niemand kontrolliert.
Viele Haushalte begünstigen Legionellenwachstum
Ein relevanter Anteil der befragten Haushalte lebt in älteren Gebäuden und nutzt Warmwassersysteme mit Temperaturen im Bereich 50–59 °C oder darunter. Zusätzlich wird Leitungswasser nach längerer Abwesenheit häufig nicht gespült.
Objektives Risiko und Wahrnehmung fallen auseinander
Die Mehrheit schätzt die Gefahr als gering ein und vertraut der Wasserqualität im eigenen Haushalt. Das Risiko wird nicht bewusst ignoriert, sondern aus mangelndem Wissen oft nicht erkannt.
Zentrale Hygieneregeln sind unbekannt
Viele Haushalte kennen weder die empfohlene Mindesttemperatur noch die tatsächliche Prüfpflicht für ihren Gebäudetyp. Fehlende Kenntnisse führen dazu, dass einfache präventive Maßnahmen nicht umgesetzt werden.
Bereitschaft ist da – die Umsetzung fehlt
Filterlösungen und vorbeugende Verhaltensweisen nutzt nur eine Minderheit. Gleichzeitig wären 81 % grundsätzlich offen für Schutzmaßnahmen. Die Hürde ist Wissen, nicht Geld.
Knapp drei Viertel der Fälle entstehen im privaten oder beruflichen Umfeld.
Das infektionsepidemiologische Jahrbuch des RKI teilt die Infektionen des Jahres 2023 auf die zugrundeliegenden Infektionsquellen auf. Legionellen gelten in der öffentlichen Diskussion als Hotel- und Klinikproblem – die Daten sagen etwas anderes.
Prozentuale Aufteilung der Infektionsquellen laut RKI. Anteile bezogen auf 2.162 gemeldete Fälle.
Fälle der Legionärskrankheit pro Jahr schätzt das Kompetenznetzwerk CAPNETZ – gemeldet werden rund 2.162. Ein wichtiger Grund: Häufig wird keine spezifische Erregerdiagnostik durchgeführt.
Letalität
Im Jahr 2024 lag die Letalität bei 5,2 %; insgesamt starben 113 Personen an den Folgen der Krankheit. Durchschnittlich liegt sie bei 5 bis 9 % bei ambulant erworbener und bis zu 13 % bei im Krankenhaus erworbener Legionärskrankheit.
Ideal wachsen Legionellen zwischen 25 und 45 Grad Celsius.
In den Rohren und Wasserreservoirs künstlicher Wassersysteme bieten Feuchtigkeit, Ablagerungen und der entstehende Biofilm eine ideale Lebensgrundlage. Insbesondere in alten und selten genutzten Systemen mit stagnierendem Wasser wächst die Gefahr einer sprunghaften Vermehrung.
Die Vermehrung wird gebremst
Temperaturen unterhalb des Wachstumsoptimums verlangsamen die Vermehrung.
Ideale Bedingungen für Legionellen
In diesem Bereich wachsen die Bakterien ideal – genau hier liegen viele Warmwassersysteme in Teilen ihres Leitungsnetzes.
Die Keime sterben ab
Systeme, die 60 °C nicht erreichen, töten die Bakterien nicht effizient ab und bieten ihnen stattdessen ideale Temperaturen für die Vermehrung.
Nur Haushalte mit Speicher und bekannter Temperatur, n = 69. Fast die Hälfte liegt im kritischen Bereich.
Die Hälfte der Haushalte spült selten oder nie – kontaminiertes Stagnationswasser kehrt unverdünnt in den Alltag zurück. n = 100.
Wärme an der falschen Stelle
Schlecht isolierte Warmwasserleitungen erzeugen auch in benachbarten Kaltwasserleitungen ideale Temperaturen für Legionellen.
Stagnation im Leitungsnetz
Unregelmäßige Nutzung oder falsch geplante Leitungen lassen Rohrabschnitte mit Stagnationswasser entstehen.
Korrosion und Kalk
Angeraute, vergrößerte Rohrinnenflächen begünstigen die Haftung von Bakterien und Biofilm.
Zwei Drittel wissen wenig oder gar nichts über Legionellen.
Und die Selbsteinschätzung trifft zu: Die Abfrage verbreiteter Regularien und Empfehlungen zeigt konkrete Wissensdefizite – zu Hygienevorgaben, baulichen Prüfpflichten und technischen Anforderungen.
kennen die Temperaturanforderung von 60 °C für die Trinkwassererwärmung nicht.
glauben fälschlicherweise, dass Ein- und Zweifamilienhäuser regulär auf Legionellen geprüft werden müssen.
wissen nicht, ob ihre eigene Immobilie überhaupt prüfpflichtig ist.
Selbsteinschätzung des Wissensstands, n = 100.
Nur ein Prozent sieht sich selbst in der Verantwortung – obwohl Spülen und Temperaturkontrolle im Alltag vom Haushalt selbst abhängen. n = 100.
„Das Risiko wird nicht bewusst ignoriert, sondern aus mangelndem Wissen oft nicht erkannt.“
Nicht die Kosten sind die Hürde, sondern das Wissen.
81 % der Befragten wären grundsätzlich bereit, Geld für Legionellenprävention auszugeben. Dass niedrigschwellige Maßnahmen wie Filter oder korrekte Temperaturen trotzdem fehlen, hängt weniger mit Kosten als mit mangelndem Wissen über das Infektionsrisiko zusammen.
Angaben in Teilnehmern, n = 100.
Wer betroffen war, handelt anders
Teilnehmer, die bereits einen Legionellose-Fall im Umfeld hatten, zeigen im Durchschnitt 5 % weniger Vertrauen in das Warmwasser, 13 % mehr Wissen über Legionellen und setzen 40 % häufiger Präventionsmaßnahmen ein.
der Haushalte nutzen keinerlei Filterlösung. 16 % haben einen zentralen Hauswasser- oder Feinfilter, 15 % Perlator-Armaturenfilter, 9 % einen Duschfilter.
Und auf Reisen?
55 Teilnehmer treffen unterwegs keine Vorsichtsmaßnahmen, 36 lassen Wasser vorab länger laufen, 16 stellen die Temperatur höher ein.
Der häusliche Bereich ist der am wenigsten kontrollierte.
Die Trinkwasserverordnung legt zentrale Anforderungen zur Qualitätssicherung fest – und in über 99 % der Untersuchungen werden alle Grenzwerte eingehalten. Dennoch bestehen Lücken, die das Risiko einer Legionellenexposition in deutschen Haushalten erhöhen können.
Keine Prüfpflicht für Ein- und Zweifamilienhäuser
Diese Anlagen unterliegen keiner systematischen Überwachung – obwohl ein erheblicher Teil der ambulant erworbenen Legionellosen dort entsteht.
100 KBE/100 ml ist kein medizinischer Grenzwert
Der technische Maßnahmenwert beurteilt Anlagenzustände. Eine Infektion kann auch bei geringeren Konzentrationen entstehen.
Intervalle von bis zu drei Jahren
Legionellen vermehren sich innerhalb kurzer Zeiträume. Lange Intervalle lassen Phasen ohne Kontrolle entstehen.
Stagnationszonen werden nicht erfasst
Selten genutzte Entnahmestellen und Totleitungen erhöhen das Risiko – für den privaten Bereich existiert keine Identifikationspflicht.
Keine kontinuierliche Temperaturüberwachung
Ohne laufende Protokollierung bleibt unklar, ob Anlagen dauerhaft im sicheren Bereich betrieben werden.
Komplexe Betreiberpflichten
Gefährdungsanalysen und Dokumentation erfordern technisches Wissen – die Umsetzungsqualität variiert deutlich.
Die entscheidende Grenze
Ab der Gebäudeübergabestelle wird die Wasserqualität nicht mehr durch den Wasserversorger abgesichert. Die Verantwortung für die hygienische Sicherheit des Warmwassers liegt dort weitgehend beim Betreiber oder Haushalt.
Was Haushalte selbst tun können.
Die Studie zeigt, dass grundlegende Hygieneregeln vielen Haushalten unbekannt sind – obwohl sie mit einfachen Maßnahmen einen relevanten Beitrag zur Risikoreduktion leisten könnten.
- Den Warmwasserspeicher auf mindestens 60 °C einstellen.
- Die Leitungen nach längerer Abwesenheit durchspülen – Dusche und Armaturen laufen lassen, bevor das Wasser genutzt wird.
- Totleitungen vermeiden oder zurückbauen, ebenso selten genutzte Entnahmestellen.
- Point-of-Use-Filter an Duschen als zusätzliche Schutzebene prüfen – besonders in Haushalten mit Risikopersonen.
Für Installationsbetriebe
Temperaturmanagement stärker in die Beratung integrieren, standardisierte Checklisten für typische Schwachstellen nutzen und Legionellenrisiken zum festen Bestandteil von Wartungsverträgen machen.
Für Gesetzgeber und Behörden
Vereinfachte Prüfung für Risikokonstellationen, bessere Datenerfassung zu Befunden in privaten Haushalten, Anforderungen an kontinuierliche Temperaturüberwachung und eine Vereinfachung der Betreiberpflichten.
55 Seiten, 26 Abbildungen, 16 ausgewertete Quellen.
Epidemiologische Ausgangslage, Faktoren im häuslichen Umfeld, gesetzlicher Rahmen, Erkenntnisse der LeTriWa-Studie, die vollständige Verbraucherbefragung sowie Diskussion und Handlungsempfehlungen – als PDF zum Lesen und Weitergeben.
| Inhalt | Seite |
|---|---|
| Einleitung und Fragestellung | 05 |
| Epidemiologische Ausgangslage | 08 |
| Faktoren im häuslichen Umfeld | 14 |
| Gesetzlicher Rahmen | 18 |
| LeTriWa und die Risikobewertung | 24 |
| Verbraucherbefragung, n = 100 | 28 |
| Diskussion und Empfehlungen | 45 |
| Literatur- und Abbildungsverzeichnis | 53 |
Wie die Studie entstanden ist
Epidemiologische Datenbasis
Auswertung des Infektionsepidemiologischen Jahrbuchs des Robert Koch-Instituts für 2023 sowie der CAPNETZ-Erhebung zur Dunkelziffer.
Infektionsquellen
Erkenntnisse der LeTriWa-Studie (Legionellen in der Trinkwasser-Installation), koordiniert vom Umweltbundesamt, Berlin 2016 bis 2020.
Verbraucherbefragung
Standardisierter Online-Fragebogen, 100 deutsche Haushalte, zweiwöchiger Erhebungszeitraum im Herbst 2025. Auswertung deskriptiv, ergänzt durch Kreuztabellen.
Hinweis zur Aussagekraft
Aufgrund der verhältnismäßig geringen Stichprobengröße sind die Ergebnisse der Befragung nur eingeschränkt generalisierbar. Die Untersuchung hat explorativen Charakter und zeigt Tendenzen auf, erhebt jedoch keinen Anspruch auf strikte Repräsentativität für die Gesamtbevölkerung.
Rechtsstand
Trinkwasserverordnung in der Fassung der Zweiten Novellierungsverordnung vom 23. Juni 2023.
Quellen (Auswahl): Robert-Koch-Institut, Infektionsepidemiologisches Jahrbuch 2023 · von Baum et al., CAPNETZ, Clinical Infectious Diseases 2008 · Lehfeld et al., LeTriWa, Epidemiologisches Bulletin 2022 · ECDC, Increasing rates of Legionnaires' disease in the EU/EEA, 2023 · Bundesgesetzblatt, Zweite Verordnung zur Novellierung der Trinkwasserverordnung, 2023. Vollständiges Literaturverzeichnis im PDF ab Seite 53. Herausgeber: Sanquell GmbH, Sieker Berg 9, 22962 Siek. Ausgabe 2026.